Die Romane von Andreas Maier haben mittlerweile neun Bände erreicht und er plant noch zwei weitere. Dieses ehrgeizige Projekt erinnert an das Mammut-Unterfangen seines großen Vorbilds Peter Kurzeck, der zwölf autobiographisch angelegte Romane verfasste. Man könnte darin einen literarischen Tribut von Maier an seinen Lehrer sehen, auch wenn dies nicht unbedingt seine Absicht war.
Andreas Maiers Leben
Maier hat sich in seinen Romanen von seinem geistig behinderten Onkel J.s Zimmer, das für ihn als Kind ein Ort des Schreckens war, befreit. Er begann mit der Beschreibung des Hauses, der Straße und des Ortes und führte den Leser schließlich in Band 6 an die Frankfurter Universität. Bevor er jedoch in die Städte seines Lebens auszog, richtete er noch einmal seinen Blick auf seine Familie, die jedoch in einem anderen Licht erschien, das vieles von dem, was er in den vorherigen Bänden erzählt hatte, als Lügen entlarvte. Nun scheint der Roman mit "Die Heimat" einen Schritt zurück zu gehen und sich auf das Nahe, Enge und Vertraute zu konzentrieren.
Der Heimatbegriff
Aber was bedeutet "Heimat" eigentlich für jemanden, dessen familiäre Grundlage, auf der er aufgewachsen ist, anscheinend mit unrechtmäßigen Mitteln erworben wurde? Maier bezeichnet den Begriff "Heimat" als problematisch und betont, dass er ihn nicht inhaltlich füllen möchte. Dennoch gründet sein Roman auf einem Heimatbegriff, der alles integriert, was einem naiven Umgang mit der Vergangenheit widerspricht.
Maier thematisiert erneut die Tatsache, dass das Grundstück in Friedberg, auf dem er seine Kindheit verbrachte, unrechtmäßig in den Besitz seiner Familie gelangte. Ursprünglich gehörte es einem jüdischen Mitbürger, über dessen Schicksal nach dem Ende des Nazi-Regimes weiterhin geschwiegen wurde. Die Erkenntnis darüber, dass sie die Kinder der Schweigekinder sind, führt den Roman durch vier Teile, die jeweils ein Jahrzehnt zwischen den 1970er und den Nuller-Jahren behandeln. Maier versucht, die Vergangenheit aus der Perspektive seines Erzählers zu rekonstruieren und dabei nicht in Heimatkitsch zu verfallen.
Die 1970er Jahre
In den frühen 1970er Jahren steht der Heimatbegriff im Zusammenhang mit den Heimatvertriebenen, die zwar in der Stadt wohnen, aber nicht von dort stammen. Doch gegen Ende des Jahrzehnts nehmen die Fremdheit und Bedrohung zu, als die ersten italienischen und türkischen Gaststätten öffnen und das Leben in den Straßen und Plätzen Einzug hält. Die Kinder fangen an, Fragen über die Vergangenheit zu stellen, über die ihre Eltern, Großeltern und Lehrer lieber schweigen würden.
Die Achtziger
In den 1980er Jahren verliert der "böse Zauberer der Siebziger" seinen Schrecken und wird zur Spaßkarikatur. Im Gemeinschaftskundeunterricht der achten Klasse wird den Jugendlichen jedoch in einem Dokumentarfilm die furchtbare Realität der Konzentrationslager vor Augen geführt. Mit sechzehn Jahren taucht das neue Deutschland der 1990er Jahre auf, das jedoch keine umfassende Heimat zu bieten scheint. Es herrscht eine allgemeine Abwärtsentwicklung, die die anfängliche Euphorie schnell dämpft. Maier selbst beginnt in dieser Zeit, Schriftsteller zu werden und schreibt auch einige Gedichte im Stile der modernen Lyrik.
Die Heimat
Im letzten Teil des Romans symbolisiert der hoffnungslose Kampf um eine alte Brotschneidemaschine den Umgang von Maier mit seiner Vergangenheit. Nichts lässt sich vollständig rekonstruieren, und am Ende bleiben Erinnerungen, die immer an die Person des Erinnernden gebunden sind. Der Epilog des Buches erzählt von einer Begegnung des Erzählers mit ausländischen Bauarbeitern, die an der Umgehungsstraße seiner Heimatorte arbeiten. Für sie birgt die Gegend keine Erinnerungen, während der Erzähler sich in der ihm einst vertrauten Umgebung verloren fühlt. Heimat ist für ihn das, was ständig verloren geht.
Andreas Maiers Roman "Die Heimat" ist möglicherweise sein subjektivster Roman im Rahmen seines Ortsumgehungs-Projekts. Er zeigt die Komplexität des Heimatbegriffs und den schwierigen Umgang mit der Vergangenheit auf. Maier reflektiert über die Fragilität von Erinnerungen und den Verlust von Vertrautheit. Seine Romane sind eine persönliche Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und ein Versuch, eine individuelle Heimat zu finden, die sich ständig wandelt.
Quelle: spiegel.de, literaturkritik.de