Sonntag, 25. Juni 2023

Sarah Kirsch - Desillusionierung einer Lyrikerin

 

Die Wendezeit zwischen dem 31. August 1989 und dem 18. März 1990 markiert einen bedeutsamen historischen Abschnitt, in dem die politischen Ereignisse im "real existierenden Sozialismus" eine dramatische Wendung nahmen. Das Tagebuch der Lyrikerin Sarah Kirsch aus dieser Zeit ermöglicht einen Einblick in ihre Eindrücke, Erlebnisse und Reflektionen. Als eine bereits etablierte Dichterin hatte Sarah Kirsch in den 1960er Jahren in der DDR einen Namen gemacht, doch die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann im Jahr 1976 und die darauffolgende Enttäuschung über die Unreformierbarkeit der DDR hatten ihre politischen Hoffnungen zerschlagen. Mit dem Tagebuch aus der Wendezeit zeigt sie ihre ironische Distanzierung von den politischen Entwicklungen und reflektiert über ihre eigene politische Erfahrung.

 

 

Kritische Sozialistin und Dichterin

 

 

Sarah Kirsch war eine kritische Sozialistin, die einst auf eine reformierte DDR hoffte, die aus den Schrecken des Nationalsozialismus heraus ein neues Deutschland aufbauen könnte. Doch nach der Ausbürgerung von Wolf Biermann und ihrer eigenen darauffolgenden Ausgrenzung aus der SED und dem Schriftstellerverband der DDR im Jahr 1976 hatte sich ihre Illusion einer reformierbaren DDR zerschlagen. Sie entschied sich, in den Westen zu gehen und lebte seit 1977 mit ihrem Sohn Moritz in Schleswig-Holstein. Dort fand sie in der nordischen Natur eine neue Heimat, die auch in ihrem Tagebuch zur Geltung kommt. Die Beschreibungen der Landschaft und ihrer Umgebung zeigen ihre Verbundenheit mit der Natur und vermitteln ein idyllisches Bild. Viele Gedichte sind zu diesem Thema entstanden. Ihr Beitrag zur modernen Lyrik ist immens. Doch auch in dieser vermeintlich unpolitischen Umgebung lässt sie sich von den politischen Ereignissen und den Nachrichten über die Umbrüche in Mittel- und Osteuropa nicht losreißen.

 

 

Ablehnung gegenüber der DDR

 

 

Sarah Kirsch kommentiert ironisch die Berichte über die politischen Entwicklungen, sei es die Grenzöffnung in Ungarn oder die dramatischen Ereignisse in der bundesdeutschen Botschaft in Prag. Sie zeigt ihre Ablehnung gegenüber der DDR und ihren Intellektuellen, die sich nun brüsten und verlogene Memoiren schreiben. Selbst die zweifelhafte Rolle anderer DDR-Schriftsteller wie Christa Wolf wird von ihr kritisiert, und ihre jahrzehntelange Freundschaft mit Wolf endet in einer Entfremdung. Die politisch unterschiedlichen Schlussfolgerungen der beiden Schriftstellerinnen bezüglich der deutsch-deutschen Entwicklung führen letztendlich zu einem Bruch. Sarah Kirsch distanziert sich von der DDR und ihren Akteuren und betont ihre eigene Meinung und Position.

 

In ihrem Tagebuch finden sich jedoch nicht nur politische Kommentare, sondern auch alltägliche Beobachtungen und der Blick in den Garten. Sarah Kirsch schreibt über ihr "tägliches Leben" und betont, dass dies das ist, was sie am meisten liebt. Sie unterbricht ihr Landleben nur für eine kürzere Lesereise nach Finnland und Schweden, denn sie pflegt bereits lange Freundschaften mit baltischen und skandinavischen Literaten. Dies zeigt ihre kulturelle Verbundenheit und ihre weitreichenden Kontakte in der literarischen Welt.

 

Trotz ihrer politischen Erfahrungen und ihres kritischen Blicks auf die Ereignisse in der DDR, begeht Sarah Kirsch auch Fehler in ihren Einschätzungen. Sie hinterfragt beispielsweise den Reformwillen Michail Gorbatschows aufgrund seiner schwankenden Politik in der Sowjetunion. Auch ihre abfällige Bezeichnung des bundesdeutschen Kanzlers Helmut Kohl als "Birne" zeigt ihre Vorurteile. Der überwältigende Wahlsieg der CDU bei der ersten freien Volkskammerwahl der DDR am 18. März 1990 kommt für sie überraschend.

 

 

Desillusionierung und Unreformierbarkeit

 

 

Es ist möglich, dass Sarah Kirsch sich für die Zukunft einen freien und ökologisch ausgerichteten Sozialismus gewünscht hätte. Ihre politischen Erlebnisse hatten sie jedoch gegenüber kommunistischer Taktik nachhaltig sensibilisiert. Sie erkannte die Gefahr, alte Machtstrukturen beizubehalten und lediglich die ideologischen Aushängeschilder auszutauschen, wie es sich später in Russland zeigte. Sarah Kirsch blieb das Schicksal zu erleben, das Liebhabern russischer Literatur und Lyrik erspart blieb.

 

Das Tagebuch aus der Wendezeit von Sarah Kirsch ist ein bedeutendes Zeugnis ihrer persönlichen und politischen Erfahrungen. Es zeigt ihren Weg von der Hoffnung auf eine reformierte DDR zur Desillusionierung über die Unreformierbarkeit des Systems. Ihre ironische Distanzierung von den politischen Ereignissen und ihre kritischen Kommentare zeugen von ihrer unabhängigen Stimme und ihrem klaren Standpunkt. Sarah Kirsch war eine bedeutende Dichterin, die auch in politisch turbulenten Zeiten ihre eigene Meinung behielt und diese in ihrer Lyrik und in ihrem Tagebuch zum Ausdruck brachte.

 

Quelle: spiegel.de, literaturkritik.de

 

 

 

 

 

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